
Nachtrag: Letzte Woche habe ich geschrieben, Stromtarife gibt es für 25ct/kWh. Zwischenzeitlich habe ich einige „teure“ Postleitzahlen gefunden. In 53881 Euskirchen oder 70173 Stuttgart kostet Strom 29ct.
Für Industrie bzw. Großabnehmer hingegen gelten andere Preise in mehreren Punkten.
Arbeitspreis
Großkunden und stromintensive Unternehmen bekommen als Großabnehmer andere Arbeitspreise. Diese sind in erster Linie Verhandlungssache sowie abhängig vom Stromnutzungsprofil. Je nach Strommenge kaufen die Unternehmen regulär beim Stromversorger oder auch direkt über Strombörse & Over the counter.
Leistungspreis
Verbraucher über 100 MWh/Jahr zahlen zusätzlich einen Leistungspreis gemäß StromNEV §17. Dieser errechnet sich aus der maximalen Stromleistung, die im Jahr abgerufen wird.
Für Privathaushalte gibt es den Leistungspreis nicht. Dort ist das pragmatisch gelöst: Wenn Du Wärmepumpe, Wallbox, Herd, Waschmaschine, Geschirrspüler, Fön, Raclette, Waffeleisen und die Gaming-PCs deiner Kinder gleichzeitig einschaltest, fliegt deine Haussicherung raus und allen anderen in der Straße ist das egal. Bei einer größeren Fabrikhalle jedoch würde der gleiche Ansatz nicht nur die Sicherung rauswerfen, sondern vermutlich das komplette Stadtviertel in die Dunkelheit reißen.
Vereinfacht gesagt sorgt der Leistungspreis dafür, dass Netzbetreiber keine unnötig dicken Kabel und Trafos verbauen müssen, die dann nur wenige Stunden im Jahr ausgelastet werden.
Off topic: In Frankreich gibt es eine Art Leistungspreis auch für private Haushalte. Dort ist die Grundgebühr abhängig von der maximalen Stromstärke.
Netzentgelte
Bei den Netzentgelten gibt es Rabatte für große und besondere Abnehmer. Stromnetzentgeltverordnung StromNEV §19 regelt Sonderformen der Netznutzung und erlaubt reduzierte Netzentgelte, wenn der Stromverbrauch erheblich außerhalb der Stoßzeiten liegt. Vereinfacht: Wenn ich meine Hochleistungsmaschinen nur Nachts benutze, zahle ich weniger.
Der gleiche Paragraph erlaubt ebenso reduzierte Netzentgelte für Stromkunden mit mehr als 10GWh/Jahr, wenn diese Menge gleichmäßig abgenommen wird. Falls du also 10.000.000 kWh Strom jedes Jahr verbrauchst und dein Lastprofil dabei nicht mehr als 25% wackelt, lohnt sich ein Gespräch mit deinem Netzbetreiber.
Einschub für Nerds: „Gleichmäßig“ errechnet sich aus den Benutzungsstunden (Benutzungsstunden = Jahresstromverbrauch / Maximal abgerufene Stromleistung). Ab 7.000 darf der Netzbetreiber Rabatt einräumen. Daraus ergibt sich eine maximale Leistungsabweichung vom Jahresmittelwert.
| Benutzungsstunden | max. Rabatt | max. Abweichung |
|---|---|---|
| 7.000 | 80 % | 25,1 % |
| 7.500 | 85 % | 16,8 % |
| 8.000 | 90 % | 9,5 % |
Die genaue Höhe der Rabatte wird individuell verhandelt und durch die Bundesnetzagentur genehmigt.
Steuern
Produzierende Firmen stehen in internationaler Konkurrenz. Zur Verbesserung des Standortes im internationalen Wettbewerb wurde 2024 die Stromsteuer für viele Unternehmen gesenkt, konkret: Unternehmen aus dem produzierendem Gewerbe, sowie aus Forst- und Landwirtschaft zahlen eine reduzierte Stromsteuer von 0,0513 ct/kWh (also 2ct weniger als du), wenn sie mindestens 12,5 MWh/Jahr verbrauchen.
Dies gilt nur für produzierende Unternehmen inkl. Forst- und Landwirtschaft. Restaurant, Friseur, Softwareentwicklung, Steuerberater u.v.m. zahlen den normalen Steuersatz. Wie üblich sind die Abgrenzungen teils kurios. Restaurant, Mensa und Kantine zahlen die volle Steuer. Großküchen für mehrere Standorte hingegen zahlen reduzierte Stromsteuer. Konkret: Wenn die Schulmensa ihr Essen vor Ort zubereitet – hohe Steuer. Wenn das Essen von einem Caterer kommt, der mehrere Schulen beliefert – niedrige Steuern.
Mehrwertsteuer zahlen die meisten Unternehmen ebenfalls nicht, entsprechend auch nicht auf Strom.
Fazit
Günstigeren Strom gibt es vor allem für große Verbraucher bei sehr gleichmäßiger Stromabnahme. Diese Gleichmäßigkeit entlastet das Stromnetz, gleichzeitig passt das nicht immer zum Erzeugungsprofil der Erneuerbaren Energien.
Seit der Gaskrise 2022 ist der Strompreis für die Industrie wieder gefallen. Die Industrie zahlt heute für Strom im Schnitt 17,8ct und somit die gleichen Preise wie 2018, allerdings bei veränderter Zusammensetzung. Beschaffung und Netzentgelte sind heute teurer. Gleichzeitig wurden im gleichen Maße Steuern und Abgaben reduziert, insbesondere durch Entfall der EEG-Umlage und gesenkte Stromsteuern.
Wie bei jeder Steuererleichterung gilt dabei: Was die eine Seite spart, muss eine andere Seite zusätzlich aufbringen und dieses zusätzliche Geld kommt selten aus den Boni und Dividenden der Vorstände und Aktionäre.